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David Schwimmers „Misserfolg“ nach Friends ist der klügste Ausstieg der Sitcom-Geschichte

Mit 60 hatte Schwimmer nie einen zweiten Mega-Hit. Wir meinen: Das wirkt nur dann wie ein Flop, wenn man Ruhm an der Kinokasse misst; als Überlebensbilanz ist es besser als bei den meisten.

Veröffentlicht
2. November 2026
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4 min
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Foto: toothgap / Wikimedia Commons (CC BY-SA 2.0)

Was macht man, wenn man den wohl bekanntesten liebeskranken Paläontologen der Fernsehgeschichte gespielt hat und alles danach an ihm gemessen wird? Wenn man David Schwimmer heißt und heute 60 Jahre alt wird, zuckt man offenbar mit den Schultern, kehrt ans Theater zurück und lässt sich in den Schlagzeilen eine Enttäuschung nennen.

Und genau das passiert. Deutsche Medien, die den Geburtstag würdigen, kommen immer wieder auf dasselbe Bild zurück: Bunte schreibt, seine Erfolge nach „Friends“ seien ausgeblieben, andere sagen, er habe nie einen zweiten Riesenhit gelandet. Stimmt, soweit es reicht. Wir finden nur: Dieses „soweit es reicht“ reicht nicht sehr weit.

Die Kinokassen-Rechnung stimmt – und ist trotzdem nebensächlich

Geben wir den Skeptikern ihre Belege. Nach dem Finale am 6. Mai 2004 wechselte Schwimmer vor allem hinter die Kamera. Laut ksta.de fand sein erstes Projekt, die Sitcom „Nevermind Nirvana“, keinen Sender. Sein Regiedebüt im Kino, „Run, Fatboy, Run“ (2007), bekam mäßige Kritiken, spielte aber weltweit 33,5 Millionen Dollar ein und stand vier Wochen lang an der Spitze der britischen Charts. Sein Thriller „Trust“ erging es umgekehrt: starke Kritiken, Bestnote von Roger Ebert und rund 600.000 Dollar an den Kinokassen. Ein weiterer Film, „Duane Hopwood“, brachte katastrophale 13.510 Dollar ein, so viply.de.

Das ist kein Blockbuster-Lebenslauf. Doch die Liste zeigt etwas anderes: einen Mann, der weiter Dinge machte, die er offenbar machen wollte, und der mal von der Kritik belohnt („Trust“), mal vom Publikum ignoriert wurde (kaum jemand sah den Film). So sieht ein arbeitender Regisseur aus. Scheitern gehört zum Beruf, es ist kein Urteil über die Person.

Ross war eine Falle, und er behandelte sie auch so

Die interessantere Geschichte ist der Schatten. Viply berichtet, Schwimmer habe der New York Times einmal gesagt, er habe entschieden, dass es zehn Jahre dauern werde, bis Ross nicht mehr sein Gesicht überschatte. Außerdem habe er der Times gesagt, er habe als Schauspieler einen ganzen Werkzeuggürtel an Fähigkeiten, während „Friends“ von ihm verlangt habe, immer denselben Hammer zu schwingen. Wir paraphrasieren hier einen deutschsprachigen Bericht über diese Aussagen, der Wortlaut ist also nur ungefähr. Der Sinn ist dennoch klar genug.

Vergleichen Sie das mit dem üblichen Drehbuch für eine prägende Rolle. Die Standardwege: sofort den Anti-Ross suchen, mit einem düsteren Drama und rasiertem Kopf, oder sich für immer ans Original klammern. Schwimmer tat, so scheint es uns, keines von beiden. Er übernahm kleine, komische Gastauftritte in Serien wie „30 Rock“ und „Curb Your Enthusiasm“, sprach in den „Madagascar“-Filmen eine Giraffe und wartete. Seine erste Hauptrolle in einer Serie nach „Friends“ kam 2016 als Robert Kardashian in „American Crime Story“. Wohl funktionierte sie, weil das Publikum Ross darin kaum noch sehen konnte. Es folgten die britische Comedy „Intelligence“ (2020–2023) und 2025 eine Rolle in der zweiten Staffel von „Goosebumps“.

Laut ksta war er seit dem Ende von „Friends“ nur in acht Spielfilmen zu sehen. Wir würden das eher Zurückhaltung als Niedergang nennen. Weniger öffentliche Versuche, Ross zu entkommen, bedeuteten weniger öffentliches Scheitern daran.

Stabilität ist eine Karrierestrategie, kein Trostpreis

Dann ist da noch das Geld, das höfliche Biografien gern auslassen. Viply berichtet, jedes der noch lebenden Ensemblemitglieder verdiene Berichten zufolge weiterhin rund 20 Millionen Dollar im Jahr aus der fortlaufenden Verwertung der Serie, und verweist auf die offenbare Bestätigung durch Lisa Kudrow gegenüber The Times in diesem Jahr. Das ist eine berichtete Zahl, und wir behandeln sie auch so. Liegt sie aber auch nur annähernd richtig, erklärt sie vermutlich vieles. Wir vermuten, dass Schwimmer nie den Job annehmen musste, der ihn zum warnenden Beispiel gemacht hätte. Er konnte wählerisch sein, Lücken in der Filmografie haben und Nein sagen.

Und das jüngste Kapitel passt ins Muster. Wie ksta berichtet, übernahm er im September 2026 einen Posten als Produzent und Regisseur am Lookingglass Theatre in Chicago, einer Truppe, die er nach seinem Theaterstudium mit Freunden mitgegründet hatte und zu der er auch nach dem Weltruhm immer wieder zurückkehrte. Das ist kein Rückzug. Es ist ein Mann, der an den einen Ort zurückgeht, der ihm gehörte, bevor es Ross gab.

Den zweiten Hit vergessen, das Drehbuch klauen

Die kulturelle Besessenheit vom „zweiten Hit“ sagt mehr über uns aus als über ihn. Wir wollen, dass unsere Stars entweder weiter gewinnen oder spektakulär verglühen, weil beide Geschichten aufgeräumt sind. Schwimmer bietet eine dritte, weniger teilbare: Er hatte einen der erfolgreichsten Jobs des Fernsehens, ließ sich davon nicht für den Rest seines Lebens definieren und baute darum herum eine ruhige, vielseitige Karriere auf.

Ist das ein geringeres Vermächtnis als ein Franchise? Das glauben wir nicht. Falls Ihnen je Ihr eigener Ross in den Schoß fällt, lohnt es sich, Schwimmers Drehbuch zu stehlen: das Geld ernst nehmen, die Arbeit ernst nehmen und sich selbst ein bisschen weniger ernst nehmen, als es die Schlagzeilen tun. Und sollten seine besten Schauspieljahre tatsächlich noch vor ihm liegen, wie viply spekuliert, dann geht der Witz auf Kosten all derer, die ihn zu früh abgeschrieben haben.

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