Die Deutschen hassen die Zeitumstellung gern – deshalb endet sie nie
Jeden Oktober kehren dieselben Klagen zurück, doch niemand entscheidet etwas. Das jährliche Gemecker ist zum Ritual geworden, und nur unser Schlaf zahlt die Rechnung.
KI-generiertes Bild
Was, wenn die Zeitumstellung gar kein politisches Versagen ist, sondern ein Hobby? Jeden Oktober führt Deutschland pünktlich dieselbe Liturgie auf: In welche Richtung werden die Zeiger gedreht, warum kann das nicht endlich jemand abschaffen? Dann kommt der Montag, wir sind benommen, und das Thema wird bis zum März zu den Akten gelegt.
In diesem Jahr fällt das Ritual auf Sonntag, den 25. Oktober, wenn die Uhren von 3 Uhr auf 2 Uhr zurückgestellt werden, wie der NDR festhält. Auch die Welt bietet einen Erklärtext dazu, ob die Uhren vor- oder zurückgestellt werden, und ihre Antwort auf die größere Frage fällt deutlich aus: Nein, die Zeitumstellung wird 2026 nicht abgeschafft. Unserer Ansicht nach ist das ein perfektes Sinnbild für die ganze Angelegenheit: Wir stellen jedes Jahr dieselbe Grundsatzfrage und ändern trotzdem nichts.
Die Klage ist laut, die Entscheidung fehlt
Die Zahlen sprechen dafür, dass es nicht an Meinungen mangelt. Die Europäische Kommission schlug 2018 die Abschaffung der Umstellung vor, nachdem in einer Online-Umfrage laut European Newsroom 84 Prozent von 4,6 Millionen Teilnehmenden sie loswerden wollten. Mehr als 3,1 Millionen davon kamen aus Deutschland. Die Deutschen haben also am lautesten protestiert. Sie stimmten zudem mehrheitlich für eine dauerhafte Sommerzeit.
Danach geschah nichts. Das Parlament unterstützte die Reform im folgenden Jahr, doch sie geriet in der Schwebe, als einige Mitgliedstaaten Einwände erhoben. Auch 2026 arbeitet die Kommission noch an einer Studie, die laut Joyn bis Jahresende vorliegen soll.
Der Knackpunkt ist, wie DW berichtet, ob die Uhren dauerhaft auf Sommer- oder auf Winterzeit stehen bleiben sollen. Das ist keine technische Frage, sondern die gesamte Entscheidung. Und es ist viel leichter, gegen die Umstellung zu sein, als für eine ganz bestimmte Alternative. Wir vermuten, dass das Gemecker deshalb so bequem ist: Es verlangt uns nichts ab.
Der Körper versteht den Spaß nicht
Wäre das nur ein Ärgernis, könnten wir mit den Schultern zucken. Doch die Annahme, die Umstellung sei harmlos, steht auf dünnerem Eis, als die Gewohnheit nahelegt. Die BBC zitiert spanische Forschung, die am Tag der Umstellung auf die Sommerzeit einen Anstieg tödlicher Verkehrsunfälle um 30 % feststellte, am Tag der Rückstellung um 16 %. Eine Studie der Mayo Clinic fand in der Woche nach der Frühjahrsumstellung knapp 19 % mehr sicherheitsrelevante Vorfälle, nach der Herbstumstellung knapp 5 %.
Ehrlicherweise braucht es hier Differenzierung. Die Herbstumstellung ist die mildere, und nicht alle Fachleute sind alarmiert: Ein bulgarischer Neurologe, den der European Newsroom zitiert, sagt, der Durchschnittsmensch brauche 5 bis 10 Tage zur Anpassung, und nur rund 5 Prozent reagierten schlecht. Auch ein Experte im BBC-Beitrag weist darauf hin, dass es sich um kurzfristige Effekte der Umstellungen handeln könnte und mehr Langzeitstudien nötig seien. Berechtigt. Aber „kurzfristig“, zweimal im Jahr, für alle, auf ewig – das ist ein seltsames Argument zur Verteidigung einer Tradition.
Unsere Sicht: Die „zusätzliche Stunde Schlaf“ im Herbst ist die beste PR-Kampagne, die ein schlechtes System je hatte. Sie fühlt sich wie ein Geschenk an, also verzeihen wir die ganze Regelung. Die Schlafmedizin ist weniger angetan. Die American Academy of Sleep Medicine fordert eine feste, ganzjährige Normalzeit.
Schluss mit dem Bewundern des Problems
Das Energieargument, die ursprüngliche Begründung, ist schlecht gealtert. Das Umweltbundesamt sagt, die Nettoersparnis lasse sich nicht genau bestimmen, da die Umstellung den Verbrauch in manchen Bereichen senke und in anderen erhöhe. Andere Länder haben unterdessen einfach gehandelt. Die Türkei hörte 2016 auf, und Japan und China kennen gar keine Sommerzeit, wie das Jugendportal der EU selbst anmerkt.
Was sollten Leserinnen und Leser also tun? Politisch ehrlich gesagt nicht viel. Wir würden aber aufhören, die Klage als bürgerschaftliches Engagement zu betrachten. Wer sich an der Umstellung stört, sollte das seinen Abgeordneten sagen, nicht nur der Backofenuhr. Für dieses Wochenende empfehlen wir, am Sonntag morgens Tageslicht zu tanken und die Schlafenszeit stabil zu halten, denn der Körper liest keine Schlagzeilen.
Das Fazit: Die Zeitumstellung überlebt nicht, weil sie jemand liebt, sondern weil Meckern billiger ist als Entscheiden. Solange Brüssel, Berlin und die übrigen Beteiligten nicht einsehen, dass „dauerhafte Winterzeit“ und „dauerhafte Sommerzeit“ beide besser sind als die jetzige Regelung, werden die Uhren weiter hin- und herspringen, und wir werden weiter müde sein.
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