Kai Pflaumes Marathon-Quiz ist Fernsehen für Clips – und das ist in Ordnung
Ein Moderator lief 42,195 km und stellte dabei live im deutschen Fernsehen Quizfragen. Der Coup ist fürs Teilen gemacht und funktioniert nur, wenn das Quiz die Hauptsache bleibt.
Foto: Dr. Frank Gaeth / Wikimedia Commons (CC BY-SA 4.0)
Kann eine Quizshow noch ein Ereignis sein, ohne dass jemand vor der Kamera leidet? Das öffentlich-rechtliche Fernsehen in Deutschland hat gerade darauf gewettet, dass die Antwort Nein lautet, und die ersten Zahlen sprechen dafür, dass es keine verrückte Wette war.
Am Montag, 2. November, startete die neue Staffel von „Wer weiß denn sowas?“ mit sechs Live-Folgen in Serie. Moderator Kai Pflaume, 59, lief während der Sendung einen vollen Marathon über 42,195 Kilometer auf einer Studiostrecke von rund 30 Metern. Laut Bunte kam er nach 5 Stunden, 53 Minuten und 21 Sekunden ins Ziel, insgesamt 1.407 Runden, und niemand sei bei einer Live-Moderation je eine längere Strecke gelaufen. Die ARD gibt an, bis zu 3,4 Millionen Menschen hätten zugeschaut, weitere rund 600.000 hätten den Livestream in der Mediathek verfolgt.
Der Rekord ist der Trailer, der Clip ist das Produkt
Sehen wir der Sache ins Auge. Ein Weltrekord ist das transportabelste Stück Fernsehen überhaupt. Er braucht keinen Kontext, passt in eine Schlagzeile und endet in einem Foto: Pflaume mit Lorbeerkranz und gerahmter Guinness-Urkunde, wie t-online beschreibt, gepostet auf Instagram. Der Coup kommt praktisch schon fertig geschnitten für soziale Netzwerke daher.
Das ist aus unserer Sicht die eigentliche Geschichte. Es war kein Quiz, in dem zufällig auch gelaufen wurde. Es wirkt wie ein Spektakel, das über den Sendeplatz um 18 Uhr hinaus Reichweite erzielen soll, und die flächendeckende Berichterstattung samt Zuschauerzahlen spricht dafür, dass das gelungen ist. Das lineare Fernsehen, das immer wieder für tot erklärt wird, hat gelernt, eigene virale Momente zu produzieren.
Warum dieser Coup besser funktioniert als die meisten
Die meisten Live-Gimmicks scheitern, weil der Gimmick das Format auffrisst. Hier scheint das Format überlebt zu haben, aus einem einfachen Grund: Das Laufen ist Hintergrundrauschen. Ein Quiz lebt von Rategästen, Fragen und Wortwechseln, und ein Moderator, der vorbeijoggt, sorgt allenfalls für zusätzliche Komik. Die Teamkapitäne Bernhard Hoëcker und Wotan Wilke Möhring wurden als „tatkräftige Streckenhelfer“ besetzt, sodass selbst der Coup zur Nummer wurde.
Hinzu kommt Authentizität. Pflaume ist kein verkleideter Stuntman. Laut Bunte war es sein dritter Marathon in diesem Jahr, nach London im April, wo er mit 3:18:32 seine Bestzeit lief, und Berlin im September. Ein Moderator, der wirklich läuft, ist glaubwürdig, anders als ein beliebiger Prominenter, der in eine Challenge gezerrt wird. Reaktionen von Sportlerinnen wie Ironman-Weltmeisterin Laura Philipp („Du bist eine Maschine“) wirken auf uns echt statt höflich.
Das Risiko: Der nächste Coup muss größer sein
Hier werden wir skeptisch. Rekorde sind per Definition einmalig. Pflaume selbst sagte, er glaube nicht, dass er noch einen Weltrekord aufstellen werde. Ein Sender, der sieht, dass ein Rekordversuch im Schnitt fast 3 Millionen Zuschauer anzieht, laut dwdl.de via GMX rund 2,97 Millionen um 18 Uhr bei 19,5 Prozent Marktanteil, wird vermutlich versucht sein, jede Staffel noch eins draufzusetzen. Dieser Weg endet damit, dass das Quiz nur noch Vorwand ist, und Zuschauer merken es, wenn die Show bloß noch das Transportmittel für einen Coup ist.
Die gesündere Lesart: Das funktioniert als Staffelauftakt, als seltenes Ereignis, das Menschen dazu bringt, das Format wieder auszuprobieren. Einmal im Jahr eingesetzt, ist es kluge Werbung. Jeden Monat eingesetzt, ist es ein Laufband.
Fazit
Applaus für den Lauf, aber ein wenig Vorsicht bei der Lehre, die die ARD daraus ziehen könnte. Der Marathon gelang, weil das Quiz unbeirrt weiterlief: Die Fragen blieben die Hauptsache, das Laufen eine herrlich alberne Zugabe. Wenn das deutsche Fernsehen mehr solcher Momente will, sollte die Regel einfach sein: einen Coup wählen, den die Show aufnehmen kann, und keinen, der sie ersetzt. Pflaumes Runden waren ein großartiges Spektakel vom Abend bis in die Nacht. Die nächste Aufgabe ist sicherzustellen, dass die Leute sich an die Fragen erinnern und nicht an die Clips.
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