Insel der Milliardäre öffnet ihre Strände – doch offen heißt nicht willkommen
Korsikas Cavallo soll Normaltouristen den Zugang erleichtern. Das klingt demokratisch, doch Zutritt ohne Zugehörigkeit könnte Exklusivität nur zur Fotokulisse machen.
Foto: Giorgio Galeotti / Wikimedia Commons (CC BY 4.0)
Kann man einen Strand öffentlich nennen, wenn der einzige Weg dorthin über einen Hafen führt, in dem man sich wie ein Eindringling fühlt? Genau diese Frage steckt hinter der Schlagzeile, die deutschsprachige Medien derzeit wiederholen: Cavallo, die „Insel der Milliardäre“, öffne ihre Strände bald für alle.
Die Nachricht stimmt, doch die Details sind dünn
Die Eckdaten sind schnell erzählt. Cavallo ist eine französische Mittelmeerinsel vor Korsika. oe24 beschreibt sie als Rückzugsort für Superreiche, Prominente und Adelsfamilien mit türkisfarbenem Wasser, versteckten Buchten und Luxusvillen. Bislang kam man laut der Schweizer Ausgabe von MSN ohne Einladung oder teure Hotelreservierung nicht weit. Nun hat die Gemeinde Bonifacio den Hafen übernommen und will den Zugang zu den Stränden erleichtern.
Achten Sie auf die Verben: „will“, „soll“, „offenbar“. Business Insider Deutschland schreibt unter Berufung auf ein anderes Medium, die Gemeinde wolle den Zugang „offenbar“ öffnen, und fügt hinzu, die Rechtslage in Frankreich sei eindeutig. Aus den vorliegenden Auszügen geht weder hervor, wann das geschehen soll, noch, wie viele Besucher kommen dürfen oder was das kostet. Was folgt, ist also eine Meinung zu einem Vorhaben und kein Bericht über ein Ergebnis.
Ein Hafen ist Politik, und Politik ist keine Gastfreundschaft
Das interessanteste Detail sind nicht die Strände, sondern der Hafen. Wer den Anleger kontrolliert, bestimmt, wer wann, mit welchem Boot und unter welchen Regeln ankommt. Ihn in kommunale Hand zu legen, ist der eigentlich bedeutsame Schritt, denn damit liegt das Tor bei einer öffentlichen Stelle. Wir halten das für einen echten Erfolg, und es ist der Grund, warum die Geschichte mehr verdient als ein Achselzucken.
Doch ein Tor, das sich öffnet, ist noch keine Einladung zur Party. Normale Besucher kommen auf eine Insel, die um Menschen herum gebaut wurde, die nie um Erlaubnis fragen mussten. Alles Übrige, von den Villen bis zu den gesellschaftlichen Codes, dürfte weiterhin ihnen gehören. Öffentlicher Zugang gibt einem das Recht, auf dem Sand zu stehen. Er vermittelt nicht das Gefühl, dort erwünscht zu sein. Wir würden wetten, dass sich genau in dieser Lücke die Geschichte abspielt: geduldet, fotografiert und sanft zur Kulisse degradiert.
Exklusivität lernt, Eintrittskarten für die eigene Aura zu verkaufen
Hier die zynische Lesart, die wir schwer von der Hand weisen können. Jahrzehntelang war das wichtigste Produkt eines solchen Ortes das „Nein“. Wird aus dem „Nein“ ein „Ja, für einen Tag“, bekommt die Aura ein zweites Leben als Content. Besucher posten das türkisfarbene Wasser, die Yachten in der Ferne, die Villen, die sie nicht betreten dürfen. Die Insel erhält kostenlos Aufmerksamkeit, und die Bewohner behalten womöglich das Einzige, was ein Tagesausflug nicht erreicht: die Privatsphäre hinter der Uferlinie.
Wer gewinnt also? Die Besucher gewinnen einen schönen Tag und eine Geschichte. Die Gemeinde gewinnt Kontrolle und vermutlich Bedeutung. Die Eigentümer verlieren wahrscheinlich wenig und profitieren vielleicht sogar von der Aura. Das Risiko: „Demokratisierung“ wird zum Etikett für das, was in Wahrheit eine Aussichtsplattform ist.
Der eigentliche Test: Kommt das Publikum als Bürger oder als Statisten?
Vergleichen wir das mit einem Streit um öffentliche Strände anderswo. Wie The Guardian berichtet, hat eine einstweilige Verfügung in Jamaika Menschen Hoffnung gemacht, die Strände öffentlich zugänglich halten wollen, statt sie für private Bauprojekte abzusperren; Unterstützer riefen dabei „free beach“. Dort ist der Zugang ein Kampf, den die Einheimischen selbst führen. Auf Cavallo scheint es eine Entscheidung der Gemeinde zu sein. Das ist in Ordnung, aber etwas anderes. Erkämpfte Rechte fühlen sich anders an als gewährte.
Auch eine Marktrealität sollte man im Blick behalten. Auf Norderney sagte Tourismuschef Wilhelm Loth laut tz.de, die sich auf die NWZ beruft, bei einer Pressekonferenz, das Geld sitze bei den Menschen nicht mehr so locker; Beschwerden im Netz drehten sich vor allem um Preise. Diese Stimmung sollte man ernst nehmen: Eine „offene“ Insel mit Preisen für die übliche Klientel wäre nur dem Namen nach offen. Falls der Zugang auf Cavallo echt ist, zeigt sich das an unspektakulären Dingen: Transport, Gebühren, Regeln für Tagesgäste und die Frage, ob man ohne Hotelkonto essen oder parken kann. Diese Einzelheiten stehen nicht in unseren Unterlagen, es sind also die Fragen, die man stellen sollte.
Fazit
Den Schritt beim Hafen darf man loben, das Konfetti sollte man sich sparen. Das Tor zu öffnen ist die leichte Hälfte; normalen Besuchern das Gefühl zu geben, rechtmäßige Nutzer der Küste zu sein, ist die schwere. Wer hinfährt, sollte es wegen des Wassers tun und nicht wegen der Nähe zu Milliardären, denn Nähe ist das Einzige, was niemand versprechen kann. Und wer als Kommunalpolitiker irgendwo auf der Welt zusieht, sollte die Lehre mitnehmen: Die Willkommenskultur gehört in die Regeln, nicht nur der Zugang.
Noch keine Themen: Eröffne das erste.
Weitere Artikel
Jeder zweite Nichtrentner hielte ohne Gehalt höchstens drei Monate durch
Laut einer Debeka-Umfrage kämen 51 % der Nichtrentner in Deutschland ohne Einkommen höchstens drei Monate aus, 22 % nicht einmal vier Wochen. Der wahre Luxus ist das Polster, nicht der Latte.
Rachel Bilsons „Instagram mit 35“-Witz ist die klügste Erziehungsregel der Y2K-Generation
Bilson hält ihre 12-jährige Tochter mit einer Pointe von sozialen Medien fern – und wer im Rampenlicht gelebt hat, ist unserer Ansicht nach der beste Türsteher.
Die gestrandeten Träumer der Odyssey wissen nun, was „Leben auf See“ heißt
Eine dreijährige Weltreise endete in Kambodscha mit sieben Stunden Vorlaufzeit. Der als Freiheit verkaufte Lebensstil war ein vorab bezahltes Versprechen ohne Sicherheitsnetz.
Boy sober ist Single-Dasein mit Hashtag – und das ist in Ordnung
Der Dating-Detox, über den Frauen der Generation Z posten, ist nützlich, wenn er heißt, sich selbst zu wählen – und hohl, wenn er zur nächsten öffentlichen Disziplin-Show wird.



