„Gesündeste Beziehung aller Zeiten“ ist der neue Verlobungsring
Julia Römmelts Satz von der „gesündesten Beziehung aller Zeiten“ sagt weniger über sie und Philipp als über unseren Appetit auf beruhigende Romantik im Contentplan.
Foto: Sven Mandel / Wikimedia Commons (CC BY-SA 4.0)
Seit wann ist „Wir sind so gesund miteinander“ das neue „Wir haben uns verlobt“? Die jüngsten Schlagzeilen über Julia Römmelt sind ein guter Anlass, das zu fragen. Das deutsche Reality-Starlet und Model ist derzeit auf allen Unterhaltungsseiten präsent, und den Ton setzt ein Versprechen emotionaler Hygiene: „Ich hatte noch nie so eine gesunde Beziehung“, wie Bild titelt. Wir kürzen das im Folgenden auf „gesündeste Beziehung aller Zeiten“ ab.
Der Ablauf ist aufgeräumt. Römmelt, 32, durfte vertraglich nicht über ihr Liebesleben sprechen, solange die Datingshow „Are You The One – Reality Stars in Love“ lief. Laut realitystar.de stellte sie ihren neuen Partner Philipp kurz nach dem Wiedersehen am 21. Oktober auf Instagram vor. Promiflash berichtet, sie habe die Beziehung mit einem Clip und der Zeile „Endlich, ich habe mich in einen meiner Bros verliebt“ öffentlich gemacht. Laut Bild hat ein viral gegangenes Video die beiden zusammengebracht. Dann folgten die Interviews: Es habe sofort gefunkt, und laut RTL spricht sie über ihren Wunsch nach einer Familie.
Das Adjektiv macht das Marketing
Achten wir auf das Vokabular. Nicht „leidenschaftlich“, nicht „verrückt nach ihm“, sondern „gesund“. Das Wort stammt aus dem therapienahen Sprachregister, das die sozialen Medien beherrscht, und funktioniert wie ein Gütesiegel. Es signalisiert dem Publikum: Das ist nicht die chaotische Reality-TV-Romanze, die man zu erwarten gelernt hat. Es ist die Fortsetzung, mit besseren Grenzen.
Das ist unserer Ansicht nach das eigentliche Produkt. Die private Wirklichkeit eines Paares lässt sich von außen nicht erkennen, und in einer jungen Beziehung ist sie kaum von innen zu erkennen. „Gesündeste Beziehung aller Zeiten“ lässt sich nicht überprüfen. Konsumieren lässt es sich dagegen sehr wohl. Es bietet den Followern einen bequemen Spannungsbogen: Reality-TV-Vergangenheit, virales Kennenlernen, reife Gegenwart. Das ist eine Geschichte mit eingebauter Läuterung, und Läuterung verkauft sich.
Auch der Zeitpunkt spielt eine Rolle. Die Ankündigung kam direkt nach dem Wiedersehen einer Datingshow, einem Genre, in dem das Liebesleben aller Beteiligten eine Lieferleistung ist. Die Regeln dieser Welt verschwinden nicht, wenn die Kameras ausgehen. Der Beziehungsstatus bleibt Content, nur besteht der Vertrag jetzt mit dem Algorithmus statt mit der Produktion.
Die „Bro“-Geschichte ist der klügste Teil
Es sei zugestanden: „Ich habe mich in einen meiner Bros verliebt“ ist ein gut gebauter Aufhänger. Er stellt zuerst die Freundschaft in den Vordergrund, die moderne Kurzformel für Stabilität. Niemand muss „Slow Burn“ sagen, wenn die Bildzeile das schon erledigt. Und er passt hübsch zur viralen Entstehungsgeschichte: Eine Geschichte, die zugleich zeitgemäß und warmherzig ist, gibt es selten, also verbreitet sie sich selbstverständlich.
Nichts davon heißt, dass das Paar etwas vortäuscht. Wir haben keinen Grund, daran zu zweifeln, dass Römmelt glücklich ist, und wir werden darüber nicht spekulieren. Der Punkt ist enger gefasst. Wenn eine Person des öffentlichen Lebens früh in einer Beziehung „gesündeste Beziehung aller Zeiten“ sagt, richtet sich der Satz ans Publikum, nicht an den Partner. Er beantwortet eine Frage, die das Publikum zuerst gestellt hat: Bitte sagt uns, dass Liebe noch unkompliziert sein kann.
Zum Vergleich: die leise Variante
Zum Kontrast lohnt ein Blick auf die andere Liebesgeschichte, die diese Woche die deutschen Unterhaltungsseiten füllt. Wie n-tv berichtet, gratulierte Danny Moder Julia Roberts zum 59. Geburtstag auf Instagram mit einem Schnappschuss und den Worten „Mehr Kerzen bringen mehr Freude“. Roberts und Moder sind seit 2002 verheiratet. Niemand in diesem Beitrag bescheinigt irgendetwas als gesund. Die beiden sind einfach da, schon wieder, nach mehr als zwei Jahrzehnten.
Das ist aus unserer Sicht der entscheidende Hinweis. Lange Beziehungen verkünden selten ihren Wellness-Wert. Sie verkünden eine Torte. Je mehr ein Paar das Adjektiv braucht, desto wahrscheinlicher ist es an uns gerichtet statt aneinander. (Das ist eine Beobachtung über das Genre, kein Urteil über Römmelt.)
Was daraus folgt
Man darf es genießen, sollte es aber lesen, was es ist. „Gesündeste Beziehung aller Zeiten“ ist eine Stimmung, keine Kennzahl, und das Publikum schreibt durch seine Klicks ein Stück weit mit. Dass der Satz sich so gut verbreitet, erzählt die eigentliche Geschichte: Wir wollen die Beruhigung, und der Markt liefert sie planmäßig.
Unsere Empfehlung ist schlicht. Den beiden alles Gute wünschen und die Beziehung in einem Jahr beurteilen, wenn der Content langsamer geworden ist und die Beziehung entweder keine Adjektive gebraucht hat oder ihr die Adjektive ausgegangen sind. Bis dahin ist „gesund“ eine Bildunterschrift, und eine sehr wirkungsvolle.
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